Stefan Micheler
 
Buchbesprechung
 
Grumbach, Detlef (Hrsg.): 
Die Linke und das Laster. 
Schwule Emanzipation und linke Vorurteile.
Mit Beiträgen von Günter Grau,Detlef Grumbach,
Elmar Kraushaar und Alexander Zinn.
Hamburg: MännerschwarmSkript Verlag 1995. 
187 Seiten, DM 28,00.
 
 

Die vier Aufsätze dieses Buches untersuchen das Verhältnis der deutschen Linken zur Homosexualität vom Deutschen Kaiserreich bis in die 1990er Jahre. Die Autoren wollen dabei "kein geschlossenes Bild (...)  liefern" (S. 14), sondern einzelne Aspekte beleuchten.
Detlef Grumbach betrachtet in seinem Beitrag Die Linke und das Laster die Einstellung der beiden großen Arbeiterparteien SPD und KPD zur Homosexualität während des Deutschen Kaiserreiches und der Weimarer Republik. Er skizziert deren zwiespältigen Umgang mit der Frage der Homosexualität: Einerseits traten beide Parteien mit unterschiedlicher Standfestigkeit für die Reform bzw. Streichung des § 175 im Reichstag ein, andererseits benutzten sie den Homosexualitätsvorwurf zur Diffamierung politischer Gegner. Grumbachs Aufsatz faßt den bisherigen Forschungsstand zusammen, liefert aber keine neuen Ergebnisse.
Unter dem Titel "Die Bewegung der Homosexuellen" untersucht Alexander Zinn die "soziale Konstruktion des homosexuellen Nationalsozialisten im antifaschistischen Exil" (S. 38) anhand der deutschen Exilpresse. Das Konstrukt eines "wesenhaften Zusammenhangs" (S. 39) von Homosexualität und Faschismus basiert nach Zinn auf der verbreiteten Vorstellung eines homoerotischen Charakters von Männerbünden und wurde durch das im August 1933 von linken Emigranten herausgegebene "Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror" im Exildiskurs etabliert. Die Herausgeber suchten die Schuld am Reichstagsbrand bei den Nationalsozialisten und konstruierten mit der Unterstellung, der Brandstifter van der Lubbe sei der Lustknabe des SA-Chefs Röhm, eine Verbindung zwischen van der Lubbe und der NSDAP. Die Klischees, Homosexuelle neigten zur Cliquenbildung und seien Jugendverführer, erhielten im Braunbuch eine Relevanz für das Zustandekommen von NS-Verbrechen und damit für den Nationalsozialismus schlechthin. In der Folge erschienen in der Exilpresse Berichte, die dieses Stereotyp kolportierten; so wurden beispielsweise  zahlreichenden führenden Nationalsozialisten homosexuelle Neigungen unterstellt. Diese Artikel basierten auf einer schmalen empirischen Grundlagen, wurden aber aufgrund des Wahrnehmungskontexts des Exils nicht in Frage gestellt. Vielmehr bezogen sich die AutorInnen der verschiedenen Blätter wechselseitig aufeinander, was einer "Selbstbestätigung" im Sinne einer "sinnstiftenden Verknüpfungsleistung" (S. 47)gleichkam. Die Repression gegen Homosexuelle im Deutschen Reich wurden verschwiegen bzw. ausschließlich als Machtkämpfe innerhalb der NSDAP gedeutet. Ebenso wurde die Homosexualität prominenter Antifaschisten totgeschwiegen. Lediglich Klaus Mann verwahrte sich im Dezember 1934 mit einem Essay gegen eine kausale Verbindung von Faschismus und Homosexualität. Das Stereotyp des homosexuellen Nazis fand nach Zinn auch Eingang in linke Faschismustheorien. Noch in den 60er und 70er Jahren tauche dieses Stereotyp in Arbeiten von Reimut Reiche und Klaus Theweleit auf.
Das Stereotyp des homosexuellen Nazis in der deutschen Exilliteratur war bereits 1990 von Jörn Meve untersucht worden; doch  Zinn erschließt mit seinem Beitrag eine neue Quellengruppe. Unklar bleibt, auf welcher Materialbreite seine Auswertung basiert. Eine Vorstellung und Einordnung der verschiedenen Exilperiodika hätte den Lesenden ein klareres Bild über die Blätter und den Stellenwert der antihomosexuellen Berichterstattung darin gegeben. Zinns These, daß die linken Blätter das Stereotyp geprägt und die liberalen es nur übernommen hätten, bleibt unbelegt, zumal die von ihm zitierten Quellen dieser Annahme eher widersprechen. Für eine diskursanalytische Untersuchung erscheinen die eher mechanistisch-kausalen Erklärungen, warum sich das Stereotyp derart unreflektiert verbreiten konnte ("sinnstiftende Verknüpfungsleistung") zu schwach. Eine umfassendere Ergänzung mit (auto-)biographischem Material - Zinn versucht dies nur in Ansätzen - könnte seine Thesen stützen. Über den untersuchten Gegenstand hinaus erscheint insbesondere Zinns Auseinandersetzung mit Klaus Theweleits Annahme einer strukturellen Bedeutung der Homosexualität für Funktion und Erhalt des nationalsozialistischen Herrschaftssystems bedeutsam. Zinn läßt sich in dieser Auseinandersetzung nicht durch Theweleits Versuche beirren, den homophoben Charakter seiner Aussagen zu verbergen. Eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem Teil des Werkes von Theweleit hat - auch aus schwuler Perspektive - bis heute nicht stattgefunden.
Günter Grau untersucht in seinem Beitrag Sozialistische Moral und Homosexualität die Strafrechtspolitik der SED gegenüber Homosexuellen. Er zeigt die unterschiedliche Entwicklung in West- und Ostdeutschland in der unmittelbaren Nachkriegszeit auf: Während im Westen der § 175 in der verschärften NS-Fassung seine Gültigkeit behielt, bestanden in den ostdeutschen Ländern uneinheitliche Regelungen, bis 1950 festgelegt wurde, daß der § 175 in der Weimarer Fassung, der § 175a aber in der NS-Fassung gültig seien. In der Rechtsanwendung haben die Paragraphen aber nur eine marginale Rolle gespielt. Grau skizziert Bemühungen zur Entkriminalisierung homosexueller Handlungen unter Erwachsenen seit 1945, wobei er besonders den Arzt Rudolf Klimmer als "Einzelkämpfer" hervorhebt. Ein entwurf zur allgemeinen Reform des Strafgesetzbuches von 1952, der nicht in Kraft trat, sah die Straffreiheit "einfacher Homosexualität" vor. Ein ebenfalls nicht in Kraft getretener Entwurf aus dem Jahr 1957 sah die Bestrafung des "einfachen Tatbestandes" wieder vor. Erst mit dem 1968 in Kraft getretenen StGB der DDR wurden homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen entkriminalisiert, das "Schutzalter" lag aber noch höher als für heterosexuelle Handlungen. 1988 schließlich wurden homosexuelle und heterosexuelle Handlungen rechtlich gleich bewertet; die gesellschaftliche Diskriminierung blieb jedoch bestehen. Über die Darstellung der Rechtslage hinaus beschreibt Grau die Selbstorganisation homosexueller Männer und Frauen in der DDR sowie die Versuche des Staatsapparates, dies zu unterbinden.
Graus grundlegende These lautet, daß die Einstellung der SED zur Aufrechterhaltung oder Abschaffung der Kriminalisierung homosexueller Handlungen von der Stabilität des Herrschaftssystems abhängig gewesen sei. Dies gelte aber für die gesamte Reform des Strafgesetzbuches, wobei der § 175 m.E. keine besondere Rolle gespielt hat. So einleuchtend Graus These sein mag, ist festzuhalten, daß das Herrschaftssystem der DDR 1988, zum Zeitpunkt der Gleichstellung hetero- und homosexuelelr Handlungen, keinesfalls stabil war. Nach Grau fürchtete die SED in der SBZ und in den frühen Jahren der DDR, bei einem Engagement für die Liberalisierung des Homosexuellen-Strafrechts Akzeptanz in der Bevölkerung einzubüßen; zudem hätten in der Partei homophobe Vorurteile bestanden. Graus Behauptung, die SED-Führung habe sich 1968 "über ökonomischen Erfolge soweit stabilisiert, daß sie im Verzicht auf die Homosexuellenstrafe keine Gefahr für die Gesellschaftsordnung mehr erkannte" und deshalb bereit gewesen sei, "auf eine erneute Aufnahme der ideologischen Bewertung der Homosexualität zu verzichten und die Ergebnisse des wissenschaftlichen Diskurses gelten zu lassen" (S. 119), vermag nicht zu überzeugen, da sie unbelegt bleibt. Andere Faktoren, wie etwa Zufälligkeiten bei der Zusammensetzung von Kommissionen, der Wunsch, der BRD zuvorzukommen oder ein Wertewandel in der sozialistischen Gesellschaft, werden von Grau nicht thematisiert. Graus Vergleich der Reformentwürfe bleibt deskriptiv, eine fundierte Erklärung für den Rückschritt 1957 liefert er nicht, obwohl sie in seinem Text angelegt ist: Auch in der DDR setzte sich in den 50er Jahren wie in der BRD verstärkt eine konservative Sexualmoral durch, die Ehe und Familie als Ideale propagierte. Eine fundierte Betrachtung des Homosexuellenstrafrechts im Kontext der von Grau erst im Schlußwort angesprochenen reproduktiven Sexualideologie wäre wünschenswert gewesen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Erstarkens konservativer Normen in den 50er Jahren in beiden deutschen Staaten sind ein wesentliches zukünftiges Forschungsfeld.
Elmar Kraushaar widmet sich in seiner Untersuchung "Nebenwidersprüche" dem Verhältnis der neuen Linken zur "Schwulenfrage" in der BRD der 70er und 80er Jahre. Anfang der 70er Jahre hatten sich auch viele schwule Männer in linken Gruppen und im gesamten K-Spektrum engagiert. Innerhalb dieser  Gruppen wurde, so Kraushaar, Persönliches nie diskutiert. "Frauenfrage" und "Homosexuellenfrage" wurden als "Nebenwidersprüche" angesehen und fanden wenig Interesse. Darüber hinaus waren auch unter Linken Vorurteile gegenüber Homosexuellen oft weit verbreitet. In verschiedenen Städten kam es zur Bildung linker Schwulengruppen, die Duktus, Inhalte und Ansätze anderer linker Gruppen übernahmen und oft propagierten, erst die sozialistische Gesellschaft ermögliche eine Emanzipation der Schwulen. Die Hoffnung der Schwulen, Linke als BündnispartnerInnen zu gewinnen, wurde enttäuscht. Nichtbefassung und Schweigen der Linken führte 1976 zum Rückzug vieler Schwuler aus den orthodoxen linken Gruppen. In den antiautoritär orientierten "Sponti-Gruppen" dagegen war das Thematisieren von Geschlechterrollen und Sexualität durch Frauen und Schwule möglich. Aus der Spontikultur entstand eine Alternativkultur, in der Schwule ab Ende der 70er Jahre eigene Zeitschriften und Verlage gründeten sowie Buchläden und Cafés eröffneten. 1979/80 kam es zu einem Generationswechsel in den schwulen Gruppen, nunmehr bestimmte "Reformismus", die Integration in die bestehende Gesellschaft, schwule Politik. Kraushaar zeigt die Entwicklung der Schwulenbewegung bis heute unter Hinweis auf die fortschreitende Entpolitisierung auf und hebt dabei hervor, daß das Integrationskonzept insoweit aufgegangen sei, als selbst die CDU sich um schwule Wähler bemüht.
Kraushaar bleibt in seinem Beitrag bei dem Zusammentragen von Material stehen. So verengt er seinen Blick auf das K-Spektrum und wird dabei den undogmatischen Gruppen nicht gerecht. Er ergründet nicht, warum in den K-Gruppen keine Diskussion über Persönliches möglich war und warum der in der Studierendenbewegung vertretene Ansatz, daß das Private politisch sei, nicht weiterverfolgt wurde. Ein Erklärungsansatz wäre, daß es nach dem Zusammenbruch der Studierendenbewegung zu einer rollback-artigen Ausprägung kleinbürgerlicher Lebenszusammenhänge (feste monogame Beziehungen, Familienideal) bei denjenigen kam, die sich nunmehr in orthodoxen Gruppe organisierten. Weiterhin könnte man vermuten, daß die späteren K-Gruppenmitglieder sich schon in der Studierendenbewegung nicht mit der dort geforderten "sexuellen Befreiung" identifizieren konnten. Kraushaar nimmt implizit eine unredliche Trennung in "Linke" und "Schwule" vor; die Frage nach einem bewußten Selbstverständnis als links und schwul wirft er nicht auf.
Im Schlußwort weist Grumbach auf offene Fragen und Widersprüche hin. Er stellt fest: "Die Hoffnung, in diesem von sozialen, gesellschaftsverändernden Utopien geprägten Jahrhundert einer Emanzipation von Homosexuellen im Bündnis mit der Linken näher zu kommen, hat sich als Illusion erwiesen" (S. 79).  Er räumt aber auch ein, daß die Linke in ihren Strukturen und auch in der Gesellschaft Freiräume schuf, die schwules Leben und Emanzipation erst möglich machten, und bis in die 80er Jahre die einzige mögliche Bündnispartnerin für die Schwulen war. Grumbachs Ansicht, das Bündnis der Schwulen mit der Linken sei eher taktischer Natur gewesen, erscheint mir fragwürdig: Er ignoriert, daß es Linke (und Liberale) waren, die sexualpolitische Reformen vorangetrieben und die Geschlechterrollen der bürgerlichen Gesellschaft in Frage stellten. Sowohl Grumbach als auch Kraushaar vernachlässigen die gegenwärtige undogmatisch- radikale Linken, deren Diskurse in jüngster Zeit durch die Verbindung von Politischem und Persönlichem geprägt sind. Grumbachs Spekulation, daß "die von den Linken so vehement bekämpfte bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft" der BRD hinsichtlich der "Homosexuellenfrage" möglicherweise als progressiver einzuordnen ist als das DDR-System, greift zu kurz; er ignoriert, daß Freiräume in der BRD nicht a-priori vorhanden waren, sondern erstritten werden mußten, auch wenn diese Freiräume konstituierend für den heutigen Konsumkapitalismus sind; ein vergleichbarer "Modernisierungsschub" fand in der DDR nicht statt.
Auf die grundsätzliche Programmatik der Linken haben sich die sexualemanzipatorischen Ansätze immer nur marginal ausgewirkt, die Orientierung der Linken an bürgerlichen Werten und Normen dürfte stärker gewesen sein. Hierin ist auch die Ursache des von Grumbach postulierten "Versagen(s) der Linken, wenn sie die politischen Macht in den Händen hält (S. 181) zu suchen. Um zu fundierteren Ergebnissen zu kommen, wäre eine vertiefende zeitübergreifende Untersuchung zur Theoriebildung in der Linken zu Fragen der Sexualität und Geschlechterrollen erforderlich. Hierfür liefern alle Beiträge eine gute Grundlage. Darüber hinaus wäre es aufschlußreich, internationale Vergleiche anzustellen.

Stefan Micheler
März 1996
 



Micheler, Stefan: 
Buchbesprechung: 
Die Linke und das Laster. Schwule Emanzipation und linke Vorurteile.
Hg. v. Detlef Grumbach. Hamburg 1995.
In: Zeitschrift für Sexualforschung, Heft 1/1997, S. 85-88.
 

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